burgtheater

Ignaz Kirchner liest Robert Musil „Mann ohne Eigenschaften“

hier meine während der lesung gekritzelten gedanken:

„Wollte ich wirklich nur über Musils Leben lesen? 
Ich hätte gern mehr über das zu hörende Stück gelesen. 
Wissen, was mich erwartet.

Weisser Zopf neben mir. Geruch nach Seife und sonst noch was. 
Die Holzdielen knarren nicht - die Damenschuhe klacken.
Das durchschnittliche Alter wird von uns nicht wesentlich 
gedrückt. Es gibt noch jüngere Zuhörer. Fröhlich wird 
geschwatzt in Erwartung dessen, der da kommen wird. Und liest.
Ich bin in der unteren Hälfte furchtbar underdressed, 
nicht zum ersten Mal im Leben. Aber zum ersten Mal in Wien. 
Aber: Stil kann man auch in Tennisschuhen zeigen. 
Und als ich aus meiner Vertiefung auftauche, 
ist das Blaue Foyer - einer fragte gar ‚was ist denn 
hier blau?' – ‚Die Sofas‘, gab eine Dame in wunderbar 
breitem Wienerisch zur Antwort und der Frager war's 
zufrieden - das Blaue Foyer jedenfalls, war dann voll! 
Und der Vorleser war nicht da. 
Die Höflichkeit der Auftretenden: gebt den Saumseligen 
die Möglichkeit, doch noch einen Platz einzunehmen?
Wir jedenfalls haben heute eins gelernt: Das Leben findet 
nicht nur als Online-Buchung statt. Manchmal muss man 
einfach hinfahren, hinstehen und fragen.
Merkt Euch das, WIFI-Generation!

Und dann ist er da. Und ich bin verwirrt.
Wechselt die Brille und legt die Armbanduhr neben 
sich auf der Tischplatte ab. Schönes, klares Bühnendeutsch. 
Mimik, Gestik lockern die Lesung auf.
Der Text regt zum Schmunzeln an. Jetzt weiss ich wieder, was 
ich an diesem (alten) Texten mag. 
"Achtundneunzigstes Kapitel“
Da fehlen uns gut sechsundneunzig Kapitel und wohl noch 
ein halbes. Der weisse Zopf hat schon zu Anfang seine Brille 
übers Knie abgelegt, wie ich es manchmal mache.

Manchmal hebt er vorne am schwarzen Pult die Hand und gibt 
den Takt, nein, unterstreicht den Satzrhythmus seines 
Vortrages. Manchmal zeigt er eine sich anbahnende Beschreibung 
mit Zittern des Kiefers und der Lippen an.
Und dann bringt ihn eine Dame aus dem Lesefluss, als sie 
still den Raum verlässt. Und er erkundigte sich nach ihrem 
Wohlergehen. Was anrührt. Es geht ihr aber gut.
Die Geschichte schweift und bauscht und führt in Schlaufen 
immer wieder zur Polizeiausstellung zurück. Was zur Hölle 
sind „pankulturelle Bestrebungen“?

Die Brille rutscht dem Leser ab und an über den gebogenen 
Nasenrücken, von wo er sie wieder mitten im Satz hoch zur 
Nasenwurzel holen musste.
Es war ein Hörgenuss, auch wenn die halbdurchwachte 
Schlafabteil-Nacht mich einige Male zusammenfahren liess.
Es war ein Augenschmaus, grad weil der Herr so sehr 
nach einem dieser karikierten Nachkriegsprofessoren 
aussieht, die ich in meiner Kindheit oft gesehen habe 
in Zeitschrift und TV.“

 

 

 

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